Vita Petra Beeking

1965 geboren in Bad Saarow, aufgewachsen in der DDR; 1984-1987 Studium der Kunsterziehung in Berlin; 1990 Umzug nach München; 1992-1995 Deutsche Meisterschule für Mode; 1995-2005 Designerin; seit 2006 als freischaffende Künstlerin tätig, 2014 Preisträger Junge Kunst Wasserburg a. Inn

 

Einzelausstellungen(Auswahl)

2014 Galerie 38, Karlsruhe; Kunstraum, Bad Saarow; 2013 Orangerie am Englischen Garten, München; 2010 Elvirastraße 20, München; 2009 Kunstraum, Bad Saarow

 

Gruppenausstellungen/Kunstmessen(Auswahl)

2015 ARTMUC München, 2016 STROKE

2014 KALTES KLARES WASSER, Schloss Hartmannsberg; Große Kunstausstellung Wasserburg a. Inn; ARTMUC München; 2013 Jahregaben Kunstverein München; BUNT, Galerie Kaysser, Ruhpolding; TOAF London; 2012 Eros 2, Halle50, München; 22. Kunstmesse Bonn; 2011 Kunstsalon, Haus der Kunst, München; Akademie für politische Bildung, Tutzing; 2010 Berliner Liste, Berlin

 

 

 

Text zur STROKE 2017

Petra Beeking ist Zeichnerin und mit ihren hier gezeigten Arbeiten ist sie zurückgekehrt zur intimsten und unmittelbarsten aller künstlerischen Ausdrucksformen. Die menschliche Figur ist von früh an ihr bestimmendes Sujet und in letzter Zeit hat sich das Augenmerk auf den Kopf verlegt, und so gilt das volle Interesse dem Gesicht. (Dabei geht es nicht um eine konkrete Person oder Wiedererkennbarkeit.)

In einigen Arbeiten genügt es, ein Auge, ein Lid, einen Lippenbogen mit einer einzigen Linie anzudeuten und zu erfassen. In anderen Blättern ist ein vielschichtiger Prozeß erkennbar.

 

Text zur Malerei 2015

 

Petra Beeking – about my work

As a sequel to the drawings, Petra Beeking, who was born in East Germany in 1965, also deals with the human figure in her medium-sized acrylic paintings.

She receives the inspiration for her colorful works from black and white photographs. Individual figures, and sometimes entire scenes, are removed and then merged with images from her own recollections.

In increasingly non-defined and pure painterly spaces, the figure takes on a presence that is difficult to ascertain. The images are transported by a quietness, which tilts back and forth between what is familiar and what is unknown. The "ideal world" ambience transforms into a threatening situation. The figures and heads appear to be unfinished, and scenes appear to be fragmentary. This illustrates what the artist is searching for a human dimension behind the stories.

 

 

 

 

 

Petra Beeking im Gespräch mit Journalistin Ruth Wenger, Frühjahr 2015

 

 

„Meine Figuren sind verletzlich.“

Es ist ein ungewöhnlicher Ort. Zumindest fürs sonst so noble München. Seit Petra Beeking in eines der efeuumrankten Ateliers aus Glas gezogen ist, ist ihre Farbpalette förmlich explodiert. „Das liegt wohl an dem wahnsinnigen Licht  hier“, sagt die Malerin, deren Bilder unter anderem bei Sammlern in den USA und Deutschland hängen. Dann kocht sie in der kleinen Küche mit 50er-Jahre-Buffet erst mal Kaffee. Kräftiges Pink, Gelb, Türkis knallt von den Leinwänden, die sich in dem loftartigen Raum stapeln – und stehen damit ganz im Gegensatz zu den Ruhe und Verletzlichkeit ausstrahlenden Motiven. Ein Clown, ein Kind, Liebende: Es ist der Mensch mit all seinen Gefühlsschattierungen, der Petra Beeking zu ihren Werken inspiriert. Ruth Wenger sprach mit ihr über Verletzlichkeit, den Kampf ums Bild und was ihre Kunst mit Tätowierungen zu tun hat.

 

Petra Beeking, hier liegen stapelweise alte Fotoalben. Was machen Sie denn mit all den Bildern fremder Leute aus vergangen Zeiten?

 

Ich sammle sie, blättere sie immer wieder durch und schaue, welches Foto mich berührt. Manchmal ist es nur ein Blick, das Spiel von Licht und Schatten oder die Haltung, die mich zu einem Werk inspiriert. Ich mache dann Kopien von den Vorlagen – damit es nicht mehr so konkret und etwas bröseliger als das Original. Die erste Verfremdung sozusagen. Und dann versuche ich die Geschichte hinter dem Foto neu zu erzählen. Dieser Moment des Fotografierens, der früher länger dauerte, ist das Bild, das bleibt und wird dann so monumental. Und gleichzeitig reizt mich das flüchtige, dass alles in Bewegung ist. Aber auch aktuelle Magazine und Zeitschriften inspirieren mich. Bei einem Berlusconi-Porträt war es zum Beispiel ein Foto, auf dem er mit Tomaten beworfen wurde.

 

Es fällt auf: Strahlende Gesichter sind bei Ihnen nirgends zu entdecken.

 

Das stimmt. Ich male keine Friede-Freude-Eierkuchenbilder. Ich habe früher in der Mode und Werbung gearbeitet, da habe ich genug strahlende Gesichter gesehen. Meine Figuren sind eher verletzlich. Vielleicht, weil ich das auch ein Stück weit bin.

 

Sie haben sich in den vergangenen  Jahren vom  liegenden Akt zur Tanzstudie und von der Figur zum Gesicht vorgearbeitet. Was fasziniert Sie am Motiv Mensch?

 

Was gibt es spannenderes als den Menschen und seinen Körper? Allein schon durch seine Haltung zeigt sich seine Persönlichkeit, seine Stimmung.  Momentan arbeite ich mit Ölfarben an einer neuen Serie von Gesichtern – denn sie haben einen großen  Ausdruck und spiegeln intensiv die Gefühle des Einzelnen. Was ich zuvor noch mit der Haltung einer ganzen Figur ausgedrückt habe, versuche ich jetzt über die Mimik. Bei früheren Arbeiten habe ich die Gesichter immer vernachlässigt, weil es für mich nicht um eine konkrete Person ging, sondern um diese besondere Stimmung.

 

Wie kam es dann zu dieser Fokussierung?

 

Letztes Jahr begann ich eine Serie, bei der ich 100 Jahre alten Porträtfotos bestickt habe. Die intensive Beschäftigung mit diesem kleinen Format – wo du stundenlang auf die kleinen Gesichter blickst, anfangs in fremde, dann entwickelt sich eine Biografie und Beziehung – hat mich zu den größeren Gemälden inspiriert.

 

Was war Ihre Intention: Wollten Sie mit dem Garn diesen sehr statischen Fotografien Dynamik verleihen?

 

Nein, es ist so eine Art Schutz. In beide Richtungen. Die gestickten Netze über den Gesichtern sind wie eine Maske. Wenn man den Faden einsetzt, verändert sich mit jedem Stich der Ausdruck und die Dreidimensionalität. Durch die ebenfalls alten, farbigen Garne betone oder verfremde ich das Vorhandene. Ich verändere also die Geschichte. Und es hat auch etwas mit Tätowieren zu tun – durch die Stechbewegung. Das erinnert mich besonders an Maori-Rituale. Wenn ich das erzähle, gucken mich die Leute immer ganz komisch an (lacht).

 

Sie leben Ihre Kreativität also nicht nur auf der Leinwand aus?

 

Ich habe Lust, verschiedene Sachen auszuprobieren. Ich möchte Menschen malen, ich möchte sticken, ich möchte zeichnen, ich möchte kleine und große Formate verwenden. Ich versuche, für jedes Thema die richtige Sprache zu finden. Ich experimentiere mit Aquarellfarben und Tuschen, Siebdruck und Lithographie. Für nächstes Jahr plane ich bereits Arbeiten in Ton oder Stein.

 

Ihre Motive strahlen viel Ruhe aus. Dafür leuchten die Farben umso stärker.

 

Ja, die Stille der Bilder und die Farbigkeit stehen in Kontrast zueinander. Ich arbeite mit einem sehr gestischen Pinselstrich. Durch die Setzung der Farben zueinander entstehen Licht und Schatten, Höhen und Tiefen. Es geht um reine Malerei. Es gibt keine Vorzeichnung. Zu Beginn habe ich nur eine vage Vorstellung von dem, was am Ende entstehen wird. Ich taste mich Schicht, für Schicht vor. Irgendwann sagt das Bild: Ich bin fertig.

 

Ist es manchmal ein Kampf, bis Sie die „Stimme“ des Bildes hören?

 

Bei meiner Arbeit dringe ich in das Bild ein, es kommt zu einer Verschmelzung. Darum male ich auch immer an mehreren Bildern gleichzeitig, damit ich dazwischen auch mal wieder Abstand gewinnen kann. Wichtig ist, die Stimme nicht zu überhören. Ein Pinselstrich zu viel, kann alles zerstören.

 

Es ist eine total gängige Frage, sorry dafür. Ich stelle sie trotzdem: Haben Sie Vorbilder?

 

Ich bin ein großer Fan von Oskar Kokoschka. Der hat auch eine etwas schräge Biografie wie ich – und um den Erfolg gekämpft. Aber wenn ich hier morgens herkomme, der Tag noch neu ist und ich noch keine fremden Bilder in meinem Kopf habe, dann versuche ich mich von allem, was ich je gesehen habe, frei zu machen. Wenn ich vor der Leinwand stehe, male ich so, wie Petra Beeking malt.

 

 

 

 

Text zur Ausstellung München zeichnet II

 

ST(R)ICHE

Ein Netz aus Linien, gesponnen aus Fäden, zieht sich über das Gesicht. Anscheinend zufällige Striche, entstanden durch Stiche, lenken den Focus auf die Augen.

 

Petra Beeking verbindet künstlerischer Stickerei und Fotografie. Dabei entwickelte sich das Konzept aus der Arbeit. Die genähten Formen legen sich wie eigenständige, farbige Zeichnungen über die schwarz- weiß Fotografien. Diese geben ihnen eine neue Dimension und ermöglichen den Protagonisten aus ihrer alten Form zu fliehen.

Der Vorgang des Zeichnens, etwa zwischen Papier, Stift und Hand, ist auch hier, zwischen Papier, Nadel und Hand, „unmittelbar“ zu erfahren, und der Zeichnung anhängige Qualitäten, wie Unmittelbarkeit, Ausdruck und Geste werden beim Sticken durch die mehrdimensionale Wirkung ergänzt. Das erzeugt einen großen Reiz bei der Arbeit.

Das Sticken ist ein sehr weibliches und traditionsreiches Handwerk und mit Werten wie Häuslichkeit, Ordnung und Untergebenheit belegt. Petra Beeking bricht damit und nutzt diese Technik vielmehr, die Geschichten der Charakter für unsere Zeit neu zu erzählen.

 

 

ST (R) ICHE A net of lines, spun from threads, runs across the face. Apparently random strokes, created by stitches, focus the focus on the eyes.   Petra Beeking combines artistic embroidery and photography. The concept developed from the work. The sewn shapes lay like independent, colored drawings over the black and white photographs. These give them a new dimension and allow the protagonist to flee from their old form. The process of drawing, for instance, between the paper, the pen and the hand, is to be experienced "directly" between the paper, the needle and the hand, and pertinent qualities such as immediacy, expression and gesture are supplemented by the multidimensional effect . This creates a great charm at work. The embroidery is a very feminine and traditional handicraft and with values ​​like domesticity, order and dedication. Petra Beeking breaks it and uses this technique to tell the stories of the character for our time.

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